Taunus Zeitung: Die Stadt im Rad-Fieber


Ein Spektakel wie aus dem Bilderbuch: Radrennen entpuppt sich als tolle Sache für Bürger und Marketing
Das Radrennen „Rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt“ führte gestern zum dritten Mal durch die Kurstadt. Ein sportliches und organisatorisches Ereignis, das sich viele Tausend Homburger nicht entgehen lassen wollten. Die TZ-Reporterin hat sich ins Getümmel gestürzt.

Bad Homburg. Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass gestern die halbe Stadt in Sachen Radrennen unterwegs war. Sehr viele feuerten als Zuschauer die Sportler an, viele andere sorgten für einen problemlosen Ablauf des Events, wieder andere beteiligten sich im Namen ihrer Vereine und Firmen am Rahmenprogramm.

10.30 Uhr: Schon kurz hinter der Stadtgrenze werden die Radsportler mit fetziger Countrymusik begrüßt: Die Line-Dancer der TSG Ober-Eschbach sorgen für Stimmung, feuern die Fahrer mit La-Ola-Wellen und Applaus an. Während später die Profis das Spektakel verständlicherweise nur im Vorbeisausen wahrnehmen, bedanken sich viele Amateure mit Handzeichen, einer klingelt sogar zum Gruß.

10.45 Uhr: Ein Fahrer, der bei der Velo-Tour ein wenig hinterher radelt, hat am Kreisel die Abfahrt Richtung Promenade verpasst. Jetzt steht er einsam und ratlos vorm Rathaus. Auf Anraten einer Homburgerin nimmt er die Abkürzung über die untere Louisenstraße, bis er wieder auf die offizielle Strecke trifft. Hat ja fast keiner gesehen, höchstens die Helmkamera – die übrigens viele Amateure auf dem Kopf haben – könnte ihn verraten.

11.00 Uhr: Die knapp 5000 Amateur-Rennfahrer sind jetzt durch. Auf der Louisenstraße ist es noch relativ leer, aber verdammt zugig. Standbetreiber treffen letzte Vorbereitungen, auf der Bühne spielt die Band „Voll Daneben“ gegen die Kälte an, während die Absperrbänder im Takt peitschen. Es ist aber auch frisch!

11.15 Uhr: Aber Kicken geht immer, und so ist das eingezäunte Soccer-Feld, das der Jugend-Förder-Verein auf dem Marktplatz aufgestellt hat, auch schnell belegt.

12.00 Uhr: Jetzt wird es rund um den Kurhausvorplatz richtig voll. Dem Event entsprechend (oder wegen der Sperrungen), sind viele Besucher mit dem Rad gekommen. Im weißen „VIP-Zelt“ sammelt sich die Lokalprominenz um Moderator Werner Damm , auf der Leinwand wird die Live-Übertragung des Rennens durch den Hessischen Rundfunk gezeigt, an den Ess- und Aktionsständen bilden sich langsam Schlangen.

12.26 Uhr: Für den Laien erstaunlich, wie genau die Organisatoren vorhersagen können, wann ein Fahrerfeld wo eintrifft. Nach 37 Kilometern seit dem Start in Eschborn passieren die U 23-Fahrer und ihr Tross genau nach Zeitplan das Kurhaus, wo sie mit viel Applaus empfangen werden. Innerhalb einer knappen Minute sind die 161 Nachwuchsfahrer vorbeigezogen. Von hier aus sind es jetzt „nur“ noch 169,8 Kilometer bis zum Ziel . . .

12.45 Uhr: Die Spannung steigt, die ersten Hubschrauber sind zu hören! Während HR-Moderator Jörg Bombach im Fernsehen von den Schönheiten Bad Homburgs schwärmt und sogar eine Gewinnspielfrage zur Spielvereinigung 05 stellt, passieren die Profis die Grenze von Frankfurt ins „Handballerdorf Ober-Eschbach“ (O-Ton Florian Nass, HR-Moderator und ehemaliger TSG-Spieler). Gerade einmal 25 Minuten haben sie vom Eschenheimer Tor bis hierher gebraucht. Polizeiautos, und -motorräder – dann ist es so weit:

12.49 Uhr: Die knapp 200 Profis rasen am Kurhaus vorbei. Das Feld liegt eng beieinander, so dass auch jetzt nach weniger als einer Minute alles vorbei ist. „Allez, allez, allez!“ ruft ein Zuschauer ganz fachmännisch, während sich die meisten auf Klatschen und Jubelrufe beschränken.

13.00 Uhr: Nach dieser sportlichen Anstrengung können die Besucher erst einmal durchatmen. Die Band spielt passend „An Tagen wie diesen“ , es ist Zeit für einen Imbiss. Inzwischen ist es angenehm warm, der Kurhausvorplatz liegt in strahlendem Sonnenschein.

13.35 Uhr: Noch einmal Aufregung, denn jetzt fährt das U 19-Feld vorbei. Es sind zwar nicht mehr ganz so viele Zuschauer an der Strecke, aber die feuern die jungen Fahrer umso begeisterter an.

14.30 Uhr: Während sich die Rennfahrer durch die Taunushöhen quälen, geht vor dem Kurhaus die Party weiter. „We will rock you“, singt die Band. Auch viele der freiwilligen Helfer , erkennbar an ihren orangefarbenen Steppwesten mit dem Logo der Stadt, genießen jetzt den wohlverdienten „Feierabend“.

15.00 Uhr: Auf dem Waisenhausplatz haben die Rotarier inzwischen ihren Informationsstand abgebaut. Ihren Auftrag haben die drei Homburger Clubs nämlich erfüllt. 28 Rotarier des Distrikts 1820 hatten ein Jahr auf diesen Tag hintrainiert und als „Rotary Cycling Team“ im Amateurfeld in die Pedale getreten. Für jeden gefahrenen Höhenmeter sammelten die 30- bis 60-Jährigen für die Rotary-Aktion „End Polio Now“ . „Dass die Welt zu 99 Prozent von Kinderlähmung befreit ist, reicht uns noch nicht. Wir wollen auch das letzte Prozent, zumal Polio jetzt in Afghanistan, Pakistan und der Ukraine wieder aufkommt“, erklärt Johannes Seel vom Rotary Club Bad Homburg-Schloss.

Zusätzlich zu den gestrampelten Kilometern sammelte der Nachwuchs “Rotaract“ an der Rennstrecke in Bad Homburg, Mammolshain und Frankfurt. Am Ende eines sportlich äußerst aktiven Tages ließ auch das Spendenergebnis aufhorchen: etwa 20 000 Euro für den Kampf gegen Polio.

Artikel vom 02.05.2016, 03:30 Uhr (letzte Änderung 02.05.2016, 17:52 Uhr)
Artikel: http://www.fnp.de/lokales/hochtaunus/vordertaunus/Die-Stadt-im-Rad-Fieber;art48711,1989031
von Monika Melzer-Hadji